The community listened

Was können wir von den Kanadiern über Fundraising lernen?

Viel.

Wir haben vor allem mitgenommen, dass es in Kanada (vor allem in den Rocky Mountains) im Fundraising um Zusammenhalt geht. Wir haben uns weniger auf die großen Städte konzentriert und waren vor allem in British Columbia unterwegs. Daher ist unser Erfahrungsbericht einseitig und aus der Perspektive kleiner Kommunen (im Anhang haben wir einige Links zum „normalen Fundraising“ eingestellt). Wir berichten hier darüber, was wir in einer ganzen Kette von kleinen Orten auf unserem Weg von Vancouver nach Edmonton gesehen haben. Unser zentrales Stichwort dabei ist „Community Building“.

Zunächst einmal ein paar Fotos, um in Stimmung zu kommen.

Wir sind von Vancouver aus den Trans-Canada Highway bis in die Rocky Mountains und haben uns an einigen Orten häuslich niedergelassen. Das wir wegen des 150 Jahres-Geburtstag eine „grüne Karte“ (freier Eintritt in alle Nationalparks) hatten, hob unsere Stimmung sichtlich.

Richtiges Land, richtiger Zeitpunkt.

Von Brücken, Mudraising und Mountain Bikes

Wir stehen in Golden auf einer Holzbrücke. Aber nicht irgendeiner Holzbrücke. Es ist die „Kicking Horse Pedestrian Bridge“, sie überspannt einen recht wilden Fluss: „It’s the longest freestanding timber frame bridge in Canada“, wie man in Golden überall stolz lesen kann. Und selbst das ist noch nicht das außergewöhnlichste daran. Denn diese Brücke wurde nicht mit Staatsgeld gebaut, sondern in einem Community Event 2001.

Hier können Sie sich ein Foto-Galerie der Brücke ansehen.

100 Zimmerer kamen zusammen, weil die Stadt Golden sich eine solche Brücke nicht hätte leisten können. Auch dort sind die Haushalte der Kommunen angespannt. Aber Kanadier warten nicht, sie handeln. In diesem Fall lud die Stadt die „Timber Framers Guild“ ein, mit der Bitte, ob man nicht etwas zusammen tun könnte. Man konnte. Und wenn man handelt, dann arbeiten erfahrene Zimmerer neben Anfängern, damit die jungen von den Meistern lernen können. That´s Community Spirit.

Irgendwie wundert es nicht, dass der Platz vor der Brücke „Spirit Square“ benannt wurde und auf ihm freie Konzerte für alle Bürger stattfinden (mit wirklich guten Bands, wir waren bei einem dabei). In diesem Fall waren die Fundraiser die Verantwortlichen von Golden. Aber die Bürger von Golden waren sofort mit dabei und erzählen heute gerne von „ihrer Brücke, ihrem Platz und ihren Konzerten“.

Ein Zitat aus der Beschreibung über der Brücke:

The bridge (…) also intersects with the walking trail that circles the town, as a symbol of cooperation.

 

Die Brücke als Brücke zu einem Trail

Damit sind wir beim nächsten Beispiel für kanadisches Community Building, den Trails.

Beim Fundraising für die Trails müsste man eigentlich von „Mudraising“ sprechen, denn es wird nur wenig Geld, dafür aber Unmengen an Geröll, Schlamm, Erde und Holz bewegt. Die Trails sind in den Rocky Mountains eine wichtige Sache. Viele, viele sind Bürger-Leistung, denn nur aus Steuern sind die Trails unbezahlbar. Es geht um Lebensqualität für die Kanadier und für die Touristen.

In Deutschland würden wir zu den Trails vielleicht „Wanderwege“ sagen. Das trifft die Sache aber nicht. Trails sind für Kanadier Netzwerke, die sich um eine Community herumspannen. Ein einzelner Trail ist nichts wert. Es geht um Systeme. Kanada hat bitter lernen müssen: Ist ein Trail nicht gut geplant, ballen sich Touristen an einem Fleck und „lieben die Natur zu Tode“.

Hier das Wanderschild eines solchen Trails in Canmore (es gibt in Canmore noch mehr Trails).

Was fällt Ihnen auf?

Zwei Dinge, die man nicht sofort sieht.

Zum einen hat der zentrale Trail und die kleinen Gebirgsteiche (Lakes) einen Namen: The Grassi Lake Trail. Warum „Grassi“? Weil Lawrence Grassi, ein italienischer Einwanderer, ihn in seiner Freizeit gebaut hat (!). Zum Dank hat man den Trail nach ihm benannt.

Fundraiser erinnern sich: Anerkennung ist das Wasser auf der Mühle der Bürgerbeteiligung.

Zum anderen ist das Nebeneinander von Mensch und Tier im Blick. Nicht das Kanada schon immer so konsequent war. Aber sie haben in den letzten Jahrzehnten an vielen Stellen radikal umgeschaltet und bekennen sich spätestens seit dem 150. Geburtstag sehr klar zur Diversität (bei Menschen wie Tieren) und Schutz vorhandener Ressourcen. Diversität bedeutet in Kanada: Verschiedene Lebewesen mit verschiedenen Interessen nutzen zusammen eine Gesellschaft / Landschaft.

Wo bleiben die Fundraiser?

Werfen Sie einen Blick auf diese Ausschreibung des Canada Trail Awards:

Trail Builder Awards be given to member organizations in recognition for their efforts in completing and opening a section (…) or sections of trail(s) which included the use of volunteers, user groups and the general public; and / or for raising positive media attention (…) and / or for creative and special fund raising events for development of a section of trail of national significance, and / or for unique and special trail related communications initiatives.

Haben Sie es gesehen?

Sie können hier nicht nur für das Bauen, sondern auch für das Fundraising einen Preis gewinnen. Die Trails UND das Fundraising werden zusammen gesehen. Geld, Volunteers, User Groups und die Öffentlichkeit ziehen hier an einem Strang.

Wird das auch so gelebt?

Ja. Das hat uns an Kanada beeindruckt. Wir haben in den Kneipen und Cafés immer wieder Plakate gesehen, die zum nächsten Community Day oder einem Trailbau einladen. Und die Kanadier sprechen einen an. Unvergesslich: Wir sitzen an einem Bord-Walk (einem Plankenweg über ein Feuchtgebiet), als ein Kanadier vorbeikommt, uns fragt, ob wir schon einmal in der Gegend waren und uns dann alle Vogelstimmen der heimischen Birds laut vormacht, damit wir auch wissen, wer um uns herum singt …

Community Building kann tiefer gehen

Community Building wird in Kanada an vielen Stellen reflektiert und gelehrt. Hier ein Artikel, wie das aussieht, wenn man einen Mountain Bike Trail mit First Nation Jugendlichen baut. Auch die Filme sind sehenswert. Mountain Biking als „Healing Journey“.

Das zentrale Zitat eines professionellen Community Planers aus diesem Artikel:

For years I have been seeking technical answers to community planning and here I am, covered in mud, and cheering. I know I am on to something special.

Wurde der genannte Trail von einer Behörde geplant? Nein. Die Jugendlichen wollten ihn. Und der zentrale Satz im Artikel ist die Reaktion der Gremien auf die Jugendlichen (deswegen wurde er zum Titel des Artikels):

The community listened.

Bleiben wir noch bei den Mountain Bike Trails, um zu zeigen, dass sich in Kanada dieses Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung quer durch verschiedene Gruppen zieht.

Ein Satz zu den Mountain Bikes

Die Kanadier tun so, als hätten sie das Mountain Bike erfunden. Wir haben in Kanada zum ersten Mal auf einem Specialized-Bike gesessen. Das ist zwar eine US-Marke, aber eigentlich gehören diese High-Tech-Geschosse nach Kanada … Auf jeden Fall kann jeder mit zwei Beinen in den Rocky Mountains diese Geräte fahren (halsbrecherisch schnell). Fun pur. Gleichzeitig erinnern wir uns, dass Mountain Biking ein echtes Konflikt-Thema ist. Fußgänger können getötet werden, Tiere verschreckt, Natur zerstört etc.

Wie geht man nun in Kanada mit diesem Konflikt um?

Hier ein Text der IMBA, der International Mountain Bike Associaton Canada.

Die IMBA international wurde 1988 in den USA gegründet, ist eine Non Profit Organisation, lebt von Spenden und glaubt an das Folgende:

We believe: Mountain biking changes lives and makes communities better.

Die IMBA Canada wurde 2004 gegründet und ist ein eigenständiger Ableger der IMBA. Auf der kanadischen Seite finden Sie diese Aussage.

While land managers and other administrators are ultimately responsible for land planning processes, committed trail users and community groups have important roles to play as well. Planning, after all, is ultimately about the big picture, and that picture includes not only the forest and the trees, but also the entire trails community.

Selbst in einem Verbandstext findet man diese kanadische „down to earth“-Attitude. Ein Blick dafür, wie verschiedene Gruppen ZUSAMMEN arbeiten und nicht gegeneinander. In großer Selbstverständlichkeit werden funktionierende Rollenverständnisse zugewiesen:

  • Multiple User Groups (waren vorher im Text erwähnt)
  • Land Managers
  • Committed Trail User
  • Community Groups
  • Zusammen ist das – eine Trail Community!

Das Ziel:

  • Good experience for diverse visitors
  • minimize user conflicts
  • minimize environmental damage

Der zentrale Satz für uns aus diesem Artikel: „Planning (…) is ultimately about the big picture.“ Aus einer solchen Haltung entstanden bei der IMBA Canada vier „Guiding Principles“:

  • Speak (der demokratische Prozess)
  • Build (nicht auf den Staat warten, selbst machen)
  • Respect (the Nature)
  • Ride (lebe ein wildes Leben …)

Kultur und Community Building

Schlamm, Mountain Bikes, Down to Earth … ist das unser Fazit aus dem kanadischen Fundraising? Gibt es auch noch etwas weniger schlammiges? Ist Community-Building alleine der Bau von Wanderwegen und Mountain-Bike Rennstrecken? Wie wäre es mit etwas mehr Kultur?

In Banff wagten wir einen Abstecher abseits der Touristen-Cafés in eines der exponiertesten kanadischen Kulturzentren: The Banff Centre for Arts and Creativity.

Das Center liegt abseits. Hier sind keine Touristen mehr. Wir schlendern durch die supermodernen Lehrgebäude, hören Musik aus den Übungssälen. Das Banff Centre hat einen kanadaweiten Ruf für Popmusik, Literatur bis hin zur Oper, hier ist alles auf dem Niveau von Vancouver (mitten in den Bergen).

Und was steht wie selbstverständlich als zweite Säule auf dem Lehrplan?

  • Leaderhip Intensives
  • Indigenous Leadership
  • Cultural Leadership
  • Systems Leadership

Systems Leadership. So ein Wort haben wir in Deutschland bisher noch nicht gehört. Hier ein Auszug, was in Banff darunter verstanden wird:

Innovate to tackle urgent social challenges

Banff Centre Systems Leadership programs draw entrepreneurial people together to develop new ventures that lead to better outcomes. Participants learn to frame the challenge, then build to collectively impact whole systems.

Damit schließt sich der Kreis zum Entrepreneurship, Community Building und Leadership. Jeder ist in den Augen der (bewusst handelnden) Kanadier ein Community Builder. Auch Musiker, darstellende Künstler oder Entrepreneure … Es geht NICHT um eine kulturelle Elite. Genau dieses Leadership ist eines der Themen, das uns im Sabbatical beschäftigt hat.

Mitten in den Rocky Mountains wird das schon gelebt.

Kurz und gut: Es gibt Gründe, warum ein Fundraiser Kanada lieben kann …

Wer mehr über Fundraising in Kanada erfahren möchte

• Association of Fundraising Professionals (AFP) Canada

• Die Facebook Site der AFP Canada

• Hier ein kleiner Film, wie die AFP, die kanadischen Fundraiser motiviert

Link geht auf eine Seite von vimeo. Bitte beachten Sie die Datenschutzbestimmung von vimeo.

• Imagine Canada

Imagine Canada ist eine NPO, die anderen NPOs hilft, eine größere Rolle in der eigenen Kommune zu spielen.

Quelle Fotos: Eigene Fotografien.
Quelle Zitat IMBA – IMBA Mission Statement

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