Von Ehrenfried Conta Gromberg

• Warum gibt jemand eine Großspende?

• Über eine der größten Spendenzusagen des Jahres 2019

Die Scheidung von Jeff und MacKenzie Bezos hat in den letzten 2 Monaten einige Schlagzeilen gemacht. In diesem Artikel lege ich Ihnen den Brief ans Herz, mit dem MacKenzie Bezos ankündigte, die Hälfte ihres 36 Milliarden Dollar Vermögens zu spenden. Zwei Dinge möchte ich damit erreichen:

  • Zum einen, dass Sie sich das Selbstbild einer Großspenderin ansehen
  • Zum zweiten, dass Sie sich über ihren Gebe-Anlass Gedanken machen

Ein wenig Hintergrund

Das Ehepaar Bezos lernte sich kennen, ein Jahr bevor Jeff Bezos Amazon gründete. MacKenzie Bezos ist Autorin und war parallel am Werden von Amazon beteiligt. Nun die Scheidung, bei der das gemeinsame Vermögen von ca. 130 Milliarden Dollar aufgeteilt wurde. Die Amazon-Anteile von Jeff Bezos gehörten dem Ehepaar zusammen, MacKenzie Bezos bekam 25% der Anteile mit einem Wert von mehr als 36 Milliarden Dollar.

2014 hatte MacKenzie Bezos bereits mit der Gründung von Bystander Revolution gezeigt, dass sie eigene Akzente bei sozialen Themen setzen will. „Bystander Revolution“ ist eine Organisation, die anderen Mut macht, die Rolle des „Bystanders“ aufzugeben und in Situationen einzugreifen, in denen andere gemobbt werden.

Dass sie diesen eigenen Weg weiter gehen will, zeigte dann die zweite Schlagzeile, die im Mai 2019 um die Welt ging: Sie kündigte über GivingPledge an, die Hälfte ihres Vermögens zu spenden bzw. in philanthropische Projekte zu investieren. Sie reiht sich damit in eine Linie mit Namen wie Waren Buffet, Marc Zuckerberg, George Lucas, dem Ehepaar Branson und vielen anderen.

Der Brief einer Frau, die etwas zu geben hat

Im Folgenden zunächst nun der Brief, mit dem MacKenzie Bezos ihren Schritt begründete. Er ist in meinen Augen ein Juwel der Philanthropie. Er kann evtl. an der einen oder anderen Stelle ein Text sein, der anderen Mut macht, ähnliches zu tun. So gesehen gehört dieser Brief meiner Meinung nach in das Textarchiv eines guten Fundraisers. Aber er ist mehr als ein gut formulierter Text. Er sagt auch viel darüber aus, wie sich MacKenzi Bezos selbst sieht. Wie sie ihre Gabe „framed“.

Der am 25. Mai veröffentlichte Brief von ihr ist hier im Original zu finden.
Die folgende Übersetzung stammt von Ehrenfried Conta Gromberg.

Der Brief von MacKenzie Bezos

25. Mai 2019

Als ich über Giving Pledge nachdachte, suchte ich in meinem Kopf ständig nach einem Satz, den ich einmal über das Buchschreiben gelesen hatte. Es war etwas darüber, dass man seine besten Ideen nicht für das letzte Kapitel aufheben, sondern sie sofort einsetzen sollte.

Heute morgen fand ich diesen Satz wieder, er stand in einem meiner Collegebücher gegen Ende von Annie Dillards „The Writing Life“.

„Spare eine gute Idee nicht für das Ende des Buches auf oder für ein anderes Buch (…). Der Impuls, etwas Gutes für einen besseren Platz aufzusparen, ist das Signal, es jetzt zu geben. Etwas anderes wird später aufkommen, etwas besseres. Alles, was Du nicht frei und üppig gibst, wird Dir verloren gehen. Du öffnest später Deinen Safe und findest Asche.“

Ich habe keinen Zweifel, dass ein gewaltiger Wert entsteht, wenn Menschen direkt auf den Impuls reagieren, etwas zu geben. Keine Handlung hat einen stärkeren Dominoeffekt, als der Wunsch, etwas Gutes zu tun.

Es gibt Unmengen von Ressourcen, die jeder von uns aus seinem Safe holen und mit anderen teilen kann: Zeit, Aufmerksamkeit, Wissen, Geduld, Kreativität, Talent, Mühe, Humor, Hingabe. Ich bin mir ganz sicher, dass etwas Größeres entsteht, wenn wir geben:

Der fröhliche Austausch mit einem Freund, wenn wir eigentlich etwas anderes vorgehabt hätten. Die Erleichterung in dem Gesicht eines Kindes, wenn wir die Geschichte eines eigenen Fehlers teilen. Gelächter, wenn wir zielgenau jemanden einen Witz erzählen, der gerade weint. Die Aufregung der Kinder in einer Schule, denen wir Bücher senden. Die Sicherheit von Familien, die in Unterkünften schlafen, die wir finanziert haben. Diese direkten Ergebnisse sind nur ein Anfang. Ihr Wert wird sich weiter multiplizieren und sich in einer Art und Weise ausbreiten, wie wir es nicht für möglich halten.

Jeder von uns kommt zu den Geschenken, die wir weitergeben können, durch eine unendliche Kette von Einflüssen und glücklichen Wendungen, die wir nie ganz verstehen werden. Zusätzlich zu all den Dingen, die das Leben in mir angelegt hat, habe ich eine unverhältnismäßig große Menge an Geld zu teilen. Mein Einstieg in die Philanthropie wird deshalb einiges an Denkarbeit erfordern. Es wird Zeit und Anstrengung benötigen. Aber ich werde nicht warten. Und ich werde dran bleiben, bis der Safe leer ist.

Das Selbstbild einer Großspenderin

Der Brief von MacKenzie Bezos stammt von einer Autorin. Man kann erwarten, dass sie schreiben kann und sie nutzt diesen Hintergrund, um in gekonnter Weise ein Bild aus dem Handwerk der Autorenzunft umzudeuten (Reframing). So wie man eine gute Storyidee nicht „aufhebt“ und ihr damit die Energie nimmt, sollte man auch seinen Reichtum nicht in einem Tresor verschimmeln lassen. Das ist schon einmal handwerklich gelungen und ein Einstieg aus persönlicher Sicht, „Down to Earth“ (wie es die Amerikaner lieben).

Die Mitte des Briefes sagt verkürzt

Diese grundlegende Haltung „wir können geben“ ist keine Frage, der Ressourcen. Jedem kann das mit einigen Worten und auch „normalen“ Gaben gelingen. Das, worüber wir hier sprechen, ist NICHT alleine das Thema einer reichen Frau. Und indirekt: Ich bin nicht mehr wert als ihr.

Sehr spannend ist dann der Schluss in diesem Brief

Jeder von uns kommt zu den Geschenken, die wir weitergeben können, durch eine unendliche Kette von Einflüssen und glücklichen Wendungen, die wir nie ganz verstehen werden …

Hier spricht eine Frau, die sich ihren Reichtum nicht selbst anrechnet. Kenner wissen, dass MacKenzie Bezos nicht nur ein „Bystander“ beim dem Projekt „Amazon“ ihres Mannes war. Sie könnte auf die „ich habe mir das hart erarbeitet“-Nummer machen. Aber das tut sie nicht. Sie spricht davon, dass jeder Reichtum ein „Geschenk“ ist, also mit Dankbarkeit und Respekt verbunden ist, wie man damit umgeht.

… zu all den Dingen, die das Leben in mir angelegt hat, habe ich eine unverhältnismäßig große Menge an Geld zu teilen. Mein Einstieg in die Philanthropie wird deshalb einiges an Denkarbeit erfordern. Es wird Zeit und Anstrengung benötigen. Aber ich werde nicht warten. Und ich werde dran bleiben, bis der Safe leer ist.

Das ist eine sehr trockene, gezielte Pointe. Sie stellt nüchtern fest, dass sie viel hat, verbindet das automatisch mit der Haltung des Teilens und unterlässt es, sofort eine große plakative Vision an die Wand zu werfen. Sie hat noch keinen festen Plan, ABER sie wird JETZT beginnen und solange an der Aufgabe bleiben, bis der ihr anvertraute Reichtum geteilt ist. Das klingt fast, als wenn sie mehr als die Hälfte geben wolle. Aber das wäre hier vermutlich überinterpretiert. Es runded das Einstiegsbild ab: Hol die Dinge aus dem Tresor, gib sie weiter, damit sie Wirkung entfalten können.

Auf drei Ebenen „framed“ sie damit ihre Handlung:

  • Das Bild vom Safe, in dem die guten Sachen verderben (zu Asche werden).
  • Das Bild der Beschenkten, die weiter schenken und teilen können (gilt für alle).
  • Das Bild der aktiven Geberin, die nicht nur Geld abwirft, sondern darüber nachdenkt, was es bewirken soll (ihre Haltung).

Dieses Selbstsbild zu kennen wäre wichtig, wenn Sie mit MacKenzie Bezos Kontakt hätten.

Was war der Gebe-Anlass?

Was sagt der Brief über den Gebe-Anlass?

Vordergründig nichts. Auf dem zweiten Blick sehr viel.

Es gibt drei Dinge zum Gebe-Zeitpunkt von Großspender_innen zu sagen: Anlass, Anlass, Anlass. Es ist in der Regel nicht so, dass jemand wochenlang auf seiner Couch liegt, philosophische Bücher liest, um dann aufzustehen und zu sagen: „Ich ändere mein Leben, morgen gebe ich die Hälfte meines Vermögens an Bedürftige.“ Fast immer gibt es einen Anlass, der die Gabe auslöst.

Grundlage – Ihre Mission ist bekannt

Sie haben ein starkes Thema, sind dafür bekannt und Menschen gehen mit Ihrer Lösung in Resonanz. Auf dieser vorauslaufenden Bekanntheit basiert jedes klassische themenbasierte Fundraising. Sie kennenzulernen und Ihre Ziele zu kennen, ist ein wichtiges Fundament, damit Ihnen gegeben wird. Eine Beziehung entsteht und vertieft sich. Hin und wieder reicht das alleine aus, dass sich jemand für Sie entscheidet. Ob Sie etwas von dem Geld von MacKenzie Bezos bekommen, hängt also davon ab, ob diese Sie kennt und Ihre Ziele teilt. In der Regel kommt aber bei Großspenden noch ein Anlass dazu. Dieser löst die konkrete Spende dann aus.

1 – Es kann ein notvoller Anlass sein

Wir haben das jüngst gesehen, als in Paris Notre Dame brannte. Innerhalb kürzester Zeit gaben die superreichen Familien in Frankreich sehr viel Geld, um Notre Dame wieder aufzubauen. Mehr als 900 Millionen Euro sollen es bisher sein. Der Löwenanteil stammt von sehr reichen Familien.

Katastrophen aller Art können Anlass sein. Welches Motiv hinter dieser Art der Gabe steht, wollen wir hier nicht näher ergründen. Ob es nur Solidarität oder auch Status ist, das werden wir beim Beispiel Notre Dame einmal offen lassen. In Frankreich löste diese große Welle der „supergroßen“ Spenden eine heftige Debatte aus, ob das Geld „richtig angelegt sei“, eine typische Reaktion auf große Geldgaben. Sachlich gut reflektiert wurde das in meinen Augen von Magdalena Pulz in diesem Artikel (sie sprach u.a. mit Daniela Geue vom Deutschen Spendenrat). Die These ist in diesem Artikel aber eine andere. Es brauchte einen Anlass: Hätte Notre Dame nicht gebrannt, wären diese Spenden nicht ausgelöst worden. Solch dramatischen Anlässe können der Auslöser sein, oft sind die Anlässe aber stiller Natur.

2 – Es kann ein von Ihnen geschaffener Anlass sein

Ein stiller Anlass ist ein Ereignis, welches nicht in der großen Medienöffentlichkeit stattfindet. Oft ist es ein Gespräch oder eine andere Begegnung „hinter den Kulissen“. Hierauf beruht die ganze Logik einer Capital Campaign. Sie gehen als Organisation mit einem wichtigen Angebot auf die potenziellen Großspender_innen einer Region oder bundesweit zu. In einer Kapitalkampagne setzen Sie die Anlässe in Form von Ereignissen und Projekten selbst.

3 –Es kann ein biografischer Anlass sein

Dieser dritte Grund wird häufig im Großspenden-Fundraising übersehen. Ein häufiger Zeitpunkt, überduchschnittlich zu spenden, ist der Zeitpunkt, an dem eine Person überdurchschnittlich viel neues Geld in das eigene Vermögen bekommt. Es wird Vermögen von A nach B übergeben. Diese Fuge ist oft ein Moment der neuen Reflektion.

Das ist der Grund, warum MacKenzie Bezos gibt: Sie kann es jetzt.

MacKenzie Bezos hat einen „Übergabe-Zeitpunkt“. Bei ihr durch die Scheidung ausgelöst. Bei anderen durch Erbe, einen Haus- oder Firmenverkauf. MacKenzie Bezos war vorher auch schon reich. Die Shares waren aber in der Hand ihres Mannes gebündelt, um dort Amazon klar steuern zu können. Sie standen also bis zur Scheidung nicht zur Disposition. Mit der Scheidung kamen diese Anteile in ihre Hand und damit auch in ihre unmittelbare Verantwortung. Dieser Anlass war Auslöser. Wir Fundraiser übersehen das oft. Viele meinen, Vermögen wäre immer verfügbar. Das stimmt gerade bei reichen Personen so nicht. Viele Vermögen sind gebunden. Aber wenn sie sich Vermögen bewegen, dann sind dies gute Zeitpunkte, als Fundraiser einmal nachzufragen.

Die Reaktionen von anderen

Bei sehr großen Spenden, wie denen nach dem Brand von Notre Dame, kommt es oft zu „Bewertungen“.

Wie war das Echo auf die Ankündigung von MacKenzie Bezos?

Zum einen reagierte Jeff Bezos in einem Tweet am 28.05.2019: „MacKenzie is going to be amazing and thoughtful and effective at philanthropy, and I’m proud of her. Her letter is so beautiful. Go get ‘em MacKenzie.“ Er gab damit seiner ehemaligen Frau Rückenwind und baut Gerüchten über einen Rosenkrieg vor.

Wir sind gespannt, ob MacKenzie Bezos in puncto Spendenvolumen ein Vorbild für Jeff Bezos wird. Aber selbst wenn er dieses Vorbild annimmt, glauben wir nicht, dass Jeff Bezos ihrem Beispiel sofort folgen würde. Der Grund: MacKenzie Bezos überließ das Stimmrecht an ihren Anteilen ihrem Mann. Als klares Signal an alle Geschäftspartner von Amazon: Die Firma ist nach wie vor in einer Hand, es wird keinen Streit hinter den Kulissen geben. Jeff Bezos wird genau aus diesem Grunde alle seine Anteile so lange wie möglich bei sich behalten. Spannend wird es, was passiert, wenn er sein Lebenswerk in „trockenen Tüchern“ weiß. Dann kann es sein, dass er in ähnlicher Größe wie MacKenzie Bezos gibt. Wir hoffen, das wird so sein. Also würde es als Fundraiser klug sein, die Beziehung jetzt aufzubauen, um später, wenn der Anlass kommt, bereit zu stehen.

Ach ja, wie reagierte die deutsche Presse?

Sehr unterschiedlich.

Der Spiegel schrieb am 01.06. auf Spiegel Online eine kurze Notiz mit der Headline: „Geben ist seliger denn Steuernzahlen“. Darin wurde hinterfragt, warum MacKenzie Bezos gibt. Und die Tonalität stellt gleich klar: so „gebärden“ sich Milliardäre. Bei aller Kritik: Können wir nicht hin und wieder klatschen? Zumindest an dem Tag, an dem ein vermögender Mensch freiwillig gibt?

Die Gala konnte sich dagegen die Superlativen nicht verkneifen und erklärte am 29.05. MacKenzie zur „großzügigsten Milliardärin“ der Welt. Allerdings trafen die Journalisten dort nicht ganz den Sachgehalt. Sie stellten MacKenzie Bezos als „frischgebackene Milliardärin“ mit viel Herz vor. Als wenn diese spannende Frau wie bei einem Lotto-Treffer mal eben zu Reichtum gekommen wäre.

Irgendwie können wir anscheinend in Deutschland in der Berichterstattung, die sachliche Mitte nicht treffen.

 

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