von Ehrenfried Conta Gromberg
Kontrolle muss sein. Dort herrscht Einigkeit. Interessant ist es aber immer wieder, wer als Hilfe angerufen wird, wenn wieder einmal das Kind in den Brunnen gefallen ist – eine Case Study.

Zwei Minuten Radiobeitrag mit einer interessanten Beobachtung

Die folgenden Zeilen schildern eine kurze Geschichte. Eigentlich sind es nur zwei Minuten eines Radio-Beitrages. Dieser lief am 20. Januar kurz vor 10 Uhr im Blickpunkt auf NDR Info.
Eine Organisation gerät in die Schlagzeilen
In diesem Radio-Beitrag geht es um einen Skandal. Zumindest zieht dieser am Horizont auf. Oder er soll aufgezogen werden. Der NDR ist auf der Spur von Ungereimtheiten bei der Entwicklungshilfeorganisation AGEF (Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte im Bereich der Migration und der Entwicklungszusammenarbeit, Berlin). Es geht – wie so häufig bei Skandalen in der Mittelverwendung – um Gelder, die nicht dort angekommen sein sollen, wofür sie bestimmt waren. Da das Zielgebiet der Irak und Afghanistan waren und diese beiden Länder Brennpunkte sind, ein geeignetes Skandalthema. Einer der Vorwürfe: Es wurde eine höhere Förderfallzahl abgerechnet, als eigentlich vor Ort passierten. Zum Zeitpunkt unserer Case Study steht noch nicht fest, ob dies wirklich stimmt.

Der initiale Moment, an dem eine Welle entstehen könnte

Es gab vorher schon erste Meldungen und Hinweise. Die Neue Osnabrücker Zeitung hatte bereits im November 2010 darüber berichtet. Aber erst am 20.01.2011 gibt es eine zweite Runde. Der NDR bringt nach eigenen Recherchen das Thema noch einmal neu und einige andere Medien gehen hinterher. Die spannende Frage: Wird aus einer Nachricht eine Welle und damit ein Medien-Ereignis?
Der NDR ist einige wenige Stunden mit der Meldung im Vorlauf. Das Handelsblatt wiederholt die Meldung und bezieht sich dabei auf den NDR. Noch am gleichen Tag – so schnell kann das gehen – bringt NTV die Schlagzeile: „Vorwürfe gegen Entwicklungshelfer – Steuergelder zweckentfremdet?“ und bezieht sich ebenfalls auf den NDR. Am besagten Tag springt aber noch kein großes Medium auf. Focus, Spiegel und die anderen berichten nicht. Der NDR schafft es also nicht sofort, sein Thema durchzubringen.

Ein Reporter schildert den Fall

Kommen wir zu dem besagten Radio-Interview, das am 20.01. vormittags lief. Im Radiobeitrag wird einer der NDR-Reporter, der an der Recherche arbeitet, Jürgen Webermann, interviewt. Der NDR interviewt sich quasi selbst. In diesem Radiobeitrag von NDR in der Stunde, in der initial über eine mutmaßlich aus dem Ruder gelaufene Organisation berichtet wird, können wir beobachten, dass er gleich da ist: Der Ruf nach dem neutralen Kontrolleur.

Der Ruf nach dem neutralen Kontrolleur

Die Frage ist, wie der Skandal (der noch nicht wirklich festgestellt ist), hätte verhindert werden können. Klar ist für Jürgen Webermann, dass der Staat, der Auftraggeber der Entwicklungshilfeorganisation, ausgefallen ist. Er hatte einen Kontrolleur nach ersten Hinweisen für drei Tage nach Afghanistan gesandt. Aber nach Aussage von Herrn Webermann war dieser Mann mit seiner Aufgabe überfordert. Zu groß waren die Projekte, zu undurchsichtig die Geldflüsse, zu groß die Vernetzung der AGEF mit dem Geldgeber. Auch war der Kontrolleur seiner Meinung nach zu schlecht auf seine Aufgabe vorbereitet. Er konnte nichts finden. Der Geldgeber hat damit anscheinend versagt.

Staat fällt als Kontrolleur aus – wer kommt dann?

An dieser Stelle wird es interessant. Nachdem der Staat ausgefallen ist, wer wird dann von Jürgen Webermann als der geeignete Kontrolleur genannt? Wer hätte früher in das Geschehen eingreifen sollen? Seine Folgerung: Bei dem ersten Verdacht hätte sofort eine neutrale Kraft prüfen sollen. Genannt wird als Beispiel das Wirtschaftsberatungsunternehmen Price Waterhouse Coopers. Dies ist spannend.
Der NDR nennt als den möglichen Kontrolleur in dieser Verdachtslage nicht eine demokratische Instanz, sondern ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Die Nennung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, da die Behörden inzwischen selbst Price Waterhouse Coopers zur Prüfung der Vorgänge hinzugezogen haben. PWC ist mit Sicherheit nicht die schlechteste Adresse im Bereich des Consultings und der Wirtschaftsprüfung. Auch bestimmt kein Unbekannter in Punkto Transparenz in der Sozialwirtschaft.

Was meinen wir mit neutral?

Aber es bleibt eine Frage: Was ist im Falle eines Falles „neutral“? Wen hätte der NDR als Kontrolleur genannt, wäre es um eine zusammen mit einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen falsch aufgestellten Bilanz eines Industriekonzerns gegangen? Die Kirche? Den Staat? Ein konkurrierendes Wirtschaftsprüfungsunternehmen?
Wer ist wann im Bezug zum Dritten Sektor neutral? Der erste Sektor: der Staat? Der zweite Sektor: die Wirtschaft, hier PWC? Der „vierte“ Sektor: die Presse? Mit diesen Fragen soll diese Case Study nicht beendet sein. Wir schließen mit einem Zitat der Neuen Osnabrücker Zeitung „Der Druck auf den Berliner Entwicklungshilfe-Dienstleister AGEF wächst weiter.“
 
Verweis auf den Radiobeitrag von NDR Info

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