oder: Wie schaue ich in die digitale Zukunft?
von Ehrenfried Conta Gromberg

 

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Wollten Sie schon einmal in die Zukunft schauen? Wissen, wie sich in den nächsten Monaten das Fundraising entwickelt? Was wird in den nächsten Jahren sein? Klarer Fall: Wir bräuchten eine Glaskugel. Noch besser eine digitale Fundraising Glaskugel. Ehrenfried Conta Gromberg gibt Ihnen seine persönliche Bauanleitung.

 

Sphärenklänge

Vor kurzem klangen während meiner Arbeit an mein Ohr eine schnelle Abfolge unbekannter sphärischer Klänge, ein elektronisches Piepsen, bei dem bei mir innerlich die Alarmglocken schrillten.
Ich checkte zu erst meinen Computer, ob ich aus Versehen die „Voice over“ Funktion ausgelöst hätte. Nichts. Dann mein Telefon, ob irgendein Klingelton verrückt spielt. Nichts. Während ich noch zwischen meinen Geräten herumkroch, um die Fehlerquelle zu orten, drehte sich meine Frau zu mir um und wies in das Nachbarzimmer.
Dort saß Helge, ein Schüler, der uns zwischendurch aushilft. Er hatte aus Langweile seinen MP3 Player aufgedreht. So laut, dass es bis zu uns drang. Was für mich Warnsignale einer elektronischen Welt sind, war für ihn Musik bei der er entspannt und arbeiten kann. Dies sind die Momente, wo man sich fragt, wie alt man ist.

Digital Native – Sein oder Nichtsein?

Die Fachwelt hat sogar einen Begriff dafür geprägt. Ich bin kein „Digital Native“ ich bin ein Digital immigrant. Quasi ein Einwanderer. Als Digital Native bezeichnete Marc Prensky diejenigen, die so selbstverständlich mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, dass ihr Denken und Handeln anders geprägt ist. Die Äquatorlinie, nach deren Geburt man als Digital Native bezeichnet wird, liegt in etwa zwischen 1980 und 1985. Wer heute also eine 1 oder eine 2 vor seinem Lebensalter stehen hat ist ein digitaler Muttersprachler. Da ist etwas dran. Irgendwie sind die Jüngeren anders drauf. Vor kurzem bekam ich die Mail eines jungen Key Account Managers. Zitat eines Satzes aus seiner Mail: „Ich beschäftige mich gerade mit Themen rund um die Buzzwords Enterprise 2.0 und Sales 2.0″. Buzzword. Das hieß früher „Stichwort“. Sales 2.0 kling auch nicht schlecht. Wieder etwas gelernt.

Woran erkennt man einen Digital Native?

Kauft sich ein Digital Native eine Kamera, dann sagt er „Ich habe mir eine Kamera gekauft.“ Für ihn ist die Kamera selbstverständlich digital. Ein Oldtimer sagt: „Ich habe mir jetzt auch eine digitale Kamera gekauft.“ Das ist ungefähr so, als wenn im letzten Jahrhundert der Kutscher zu seinem Herrn sagt: „Im Dorf stand eine von diesen pferdelosen Kutschen.“ Der automobile Mensch spricht nicht mehr über Pferde. Er steigt selbstverständlich in sein Auto. Ein Pferd ist für ihn nur noch ein Freizeit-Vergnügen. Der Digital Native geht anders um mit Musikstücken, Bildern, E-Mails, Websites, Berufswahl, Mobilität und bestimmt auch mit seinem Spendenverhalten.

Ist man mit 40 zu alt fürs Fundraising?

Nun gut. Ich bin also im digitalen Sinne alt. Ein „Digital Immigrant“. Bin ich deshalb aber ein Ausländer? Jemand, der draußen steht? Bin ich mit 40 noch in der Lage, zukunftsfähiges Fundraising zu denken? Bin ich in der Lage, professionell zu planen und Entscheidungen für die kommunikative Zukunft einer Organisation zu treffen? Wie wichtig ist es, dass ich mitbekomme, das Microsofts neue Suchmaschine bing heißt – kein Witz: siehe www.bing.com ? Oder ein bestimmtes „App“ für das i-phone irgendetwas kann? Was brauche ich für Skills, um in die Zukunft zu schauen? Oder anders gesagt: Was ist die professionelle Glaskugel eines Fundraisers?

Strategische Entscheidungen im Fundraising

Getan wird derzeit viel. Eine Reihe von Fundraising-Plattformen für Digital Natives sind am entstehen (z.B. betterplace.org, helpedia.de, die Betaversion von wikando.de können sie im Netz ansehen). Ist es Zeit „Internet, Internet, Internet“ zu rufen, wie viele es derzeit tun? Oder folgt man seiner Nase, die mir in diesem Falle sagt, dass diese Plattformen noch nicht die Schwergewichte im Fundraising sein werden. Aber worauf traut man? Auf seine Erfahrung? Wo steht die digitale Glaskugel?

Weißes Haar schlägt Digital Natives

Ein zweites Ereignis aus der gleichen Woche. Ich hielt einen Workshop bei einer Organisation, die ihr Fundraising beginnen will. Mit am Tisch sind einige 30- bis 40-jährige und ein weißhaariger über 60 Jahre alter Ruheständler. Als es daran geht, über mögliche Kontaktnetzwerke zu sprechen, ist seine Stunde gekommen. Der weißhaarige Mann war auf leitender Ebene über Jahre verantwortlich in der Region tätig. Er kennt viele Menschen, die für das Projekt wichtig sind persönlich. Er ist bereit, Türen zu öffnen und Gespräche selbst zu führen. Klassisch. Von Mensch zu Mensch. Mit ihm steigen die Chancen für das Projekt. Status ist: Weiße Haare schlagen nach wie vor in der Regel die 20- bis 40-jährigen im Fundraising. Sowohl beim Anschieben als auch beim Spenden.

Meine Frau sagt, ich bekomme weiße Haare

Meine Frau hat in diesem Monat mich darauf hingewiesen, dass ich die ersten grauen Haare an der Schläfe bekomme. Ihr gefällt das. Mir auch. Bedeutet dies doch, dass ich anscheinend ins goldene Alter des Fundraisings aufsteige. Von daher die Digital Natives vergessen und alles beim Alten belassen?
Nein. Bestimmt nicht.

Die entscheidende Frage

Der ungewohnte Ton am Ohr (Internetmusik, Buzzwords) muss einen wach halten. Professionell zu sein bedeutet, Veränderungen wahrzunehmen und kontinuierlich zu verfolgen. So klar es derzeit ist, dass die älteren Menschen die Beweger im Fundraising sind, so klar ist es auch, dass die Digital Natives älter werden.
Die spannende Frage ist: Wann? Wann werden die 40-jährigen im großen Stil über Websites und Mobilgeräte nicht nur kommunzieren sondern auch spenden? Wann sind die Digital Natives die Beweger von morgen? Wann werden sie Online spenden? Was werden Sie überhaupt tun (oder lassen?)
Als eine New Economy Firma mir 2001 den Auftrag gab, automatisierte Telefonspenden im größeren Umfang zu testen, waren die Geldgeber für dieses Projekt davon überzeugt, dass das Vorhandensein von micropaymentfähigen Telefonleitungen die Schneise für ein neues Spendenverhalten bringen könnte. Die Evaluation ergab, dass es noch zu früh dafür ist. Das bedeutet aber nicht, dass in Zukunft niemand über Telefon, Handy oder SMS automatisiert spenden wird. Die Digital Natives tun es nur jetzt noch nicht. Sie sind noch nicht alt genug. Die Techniken noch nicht ausreichend anerkannt.

Meine persönliche Fundraising Glaskugel

Es gibt im Sozialmarketing zwar bestimmt nicht das Patentrezept, wie mit der digitalen Revolution umzugehen ist. Es hängt von Organisation zu Organisation ab, welches Kommunikationsprofil gefahren werden kann. Weil die Entwicklung so spannend und wichtig ist, habe ich mir aber ein Rezept für eine eigene Fundraising-Zukunfts-Glaskugel geschrieben. Vielleicht hilft Ihnen meine Glaskugel. Sie ist übrigens noch analog mit Bleistift und Papier entstanden, an dieser Stelle dann aber bereits digital per Newsletter an Sie gepostet (früher hätte man gesagt: zugesandt).

Bauanleitung für einen glasklaren Blick in die Zukunft

1 – Behalte ein exaktes Gefühl für den Umbruch im Sozialmarketing.
2 – Zeichne einen Zeitstrahl auf, welche digitale Technik wo steht.
3 – Markiere die Generationssprünge. Welche Nutzer sind wie alt?
4 – Registriere genau, welche Technik wo von Massen akzeptiert wird.
5 – Registriere genau, ob die Nutzer auch Spendergruppen sind.
6 – Teste, ob ein digitales Medium für das Fundraising funktioniert.
7 – Wenn nicht, investiere nicht in dieses Medium.
8 – Bereite Dich auf den Umbruch vor.
9 – Investiere zukunftsorientiert.
10 – Verändere Dein Denken über Spender. Vielleicht definieren Sie sich in Zukunft anders.

Fazit

Springe nicht auf jeden Zug. Bereite aber neue Züge vor.

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