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Juli

Sind Fundraiser Betrüger?

von Kai Fischer

Folgt man einer aktuellen Anklage der Staatsanwaltschaft, kann man diesen Eindruck gewinnen. Wenn Spenden für ein Projekt gesammelt und damit der Aufbau des Fundraisings finanziert wird, qualifiziert dies eine Staatsanwaltschaft als Betrug am Spender. Worauf müssen sich Fundraiser und Vorstände einstellen?

Zweckentfremdung der Mittel

Nach mehr als einjähriger Ermittlung hat die Staatsanwaltschaft in Hannover jetzt Anklage wegen Betrugs gegen die Vorsitzende eines Vereins, den Verantwortlichen einer Direktmarketing-Agentur sowie einen Rechtsanwalt, der die Geschäfte des Vereins führte, erhoben. Der Vorwurf: Der allergrößte Teil der Spendeneinnahmen, die über Mailings eingeworben wurden, ging an die Marketing-Agentur und kam nicht dem beworbenen Zweck zugute. Dies wurde jedoch den Spendern verschwiegen. Sie gingen davon aus, dass ihre Spenden direkt dem Zweck zugeführt wurden, für den geworben wurde.

Unabhängig vom Einzelfall und der Frage, wer schuldig ist und ob die Anklage in diesem konkreten Fall berechtigt ist, wirft das Vorgehen der Staatsanwaltschaft eine Reihe von Fragen auf, die sich Fundraiser und Fundraiserinnen – vor allen Dingen aber auch Vorstände – stellen müssen.

Kostentransparenz

Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft ist ein klarer Hinweis auf fehlende Transparenz im Fundraising. In der Kommunikation mit Förderern werden wir deutlicher sagen müssen, wofür die Mittel, die gespendet werden, eingesetzt werden. Ich kann  mir gut vorstellen, dass in Zukunft jeder Spendenbrief oder jede andere Form der Förderer-Kommunikation den Hinweis enthält: „25 % Ihrer Spende verwenden wir für Verwaltung und Kommunikation.“

Durchschnitt oder Kosten pro Aktion?

Hierauf werden wir uns wahrscheinlich schnell verständigen können. Aber ist dies gegenüber dem Förderer auch ehrlich? Methoden und Formen des Fundraisings sind unterschiedlich teuer und führen zu unterschiedlich hohen Einnahmen. Gerade der Aufbau eines Förderer-Stamms bzw. die Gewinnung von Neuspendern gehören zu den teuersten Maßnahmen überhaupt. Wäre es da nicht ehrlicher, die tatsächlichen Kosten der einzelnen Maßnahme auszuweisen? Dann wüssten die Förderer gleich: Spende ich auf ein Kalt-Mailing, geht deutlich weniger an das Projekt als bei Organisationen, mit denen ich schon eine lange Förderer-Beziehung habe. Eine solche Ehrlichkeit könnte den wünschenswerten Nebeneffekt haben, dass die Organisationen der Förderer-Bindung in Zukunft mehr Bedeutung beimessen.

Welche Bezugsgröße wird gewählt?

Prozentsätze sind relativ; sie zeigen eine Beziehung zur Bezugsgröße. Als Bezugsgröße lassen sich aber zwei unterschiedliche Werte wählen: Die Gesamteinnahmen einer Organisation oder nur die Einnahmen, die durch Fundraising erzielt wurden. Hat eine Organisation größere Einnahmen außerhalb des Fundraisings, beispielsweise durch öffentliche Zuwendungen oder Zweckbetriebe, können mit der ersten Variante die Fundraisingkosten kleingerechnet werden. Leben Organisationen hingegen ausschließlich von Spenden, kommt nur die zweite Variante in Betracht. Die Folge: Bei Fundraisingkosten werden Äpfel mit Birnen verglichen, reine Fundraisingorganisationen haben dann immer höhere Kosten. Sich hier auf einheitliche Bezugsgrößen zu verständigen, ist dringend geboten.

Was gehört zu den Einnahmen?

Kennen Sie die beliebte Aussage: „Bei uns gehen alle Spenden direkt in die Projekte“? In diesen Fällen werden fast immer die Kosten auf einen Dritten verschoben. Mal werden die Kosten durch die Erträge einer Stiftung gedeckt, mal kommt ein Unternehmen hierfür auf oder auch eine andere verbundene Organisation. Wollen wir eine echte Preistransparenz, dann dürfen diese Verschiebungen nicht mehr möglich sein. Übernommene Kosten sind Einnahmen und müssen mit den Kosten bei den werbenden Organisationen verbucht werden.

Verantwortung der Vorstände

Was die Klage der Staatsanwälte auch klarstellt: Vorstände verantworten die Praxis im Fundraising. Es ist an der Zeit, dass Vorstände und Geschäftsführungen diese Verantwortung auch annehmen. Damit endet die Zeit, in welcher man unbedenklich die Geldbeschaffung an Dienstleister abgeben konnte; Hauptsache, die füllten die Kasse. Zukünftig müssen sich Vorstände und Geschäftsführungen sehr viel intensiver mit den Praktiken, den Möglichkeiten und Kosten des Fundraisings auseinanderselten. Sie treffen am Ende die Entscheidungen und müssen diese dann auch verantworten, notfalls auch gegenüber einem Gericht.

Und der Druck ist deutlich gewachsen. Bisher prüfte das Finanzamt nur die Gemeinnützigkeit. Wurden die Erklärungen korrekt abgegeben, drohte allenfalls der Entzug dieses Status. Manchmal war dies mit Steuernachforderungen verbunden. Das kostete allenfalls Geld und blieb der Öffentlichkeit durch das Steuergeheimnis verborgen. Eine Anklage wegen Betrugs zieht hingegen ein in aller Öffentlichkeit ausgetragenes Strafverfahren nach sich, mit allen Folgen auch für die bürgerliche Existenz der vielen ehrenamtlichen Vorstände.

Was passiert mit neuen Nonprofit-Organisationen?

Die größten Änderungen wird der Prozess bei Organisationen haben, die neu ins Fundraising starten. Sie könnten zwar ehrlicherweise kommunizieren, dass der größte Teil der Spenden in das Fundraising reinvestiert wird. Aber würden dann die Förderer trotzdem spenden? Fühlten sie sich nicht nach wie vor getäuscht, wenn mit einem Projekt geworben wird, bei dem nur die wenigsten Spenden ankommen? Zumindest der Aufbau eines Spenderstamms durch verschiedene Formen des Direktmarketings dürfte sich mit der Anklage erledigt haben. Der Betrugsvorwurf wirkt als erhebliche Zutrittsbarriere zum Fundraising.

Möglichkeiten für junge Organisationen

Damit verbleiben neu in das Fundraising startenden Organisationen im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie besorgen sich zunächst das notwendige Startkapital. Social Venture Capital oder sogenanntes Seed-Money gewinnen damit an Bedeutung – und damit auch die Vorstellungen reicherer Menschen vom Funktionieren der Gesellschaft. Denn Fundraising und Geldgeben haben immer auch mit Werten zu tun – und die unterscheiden sich je nachdem, welche Position man in der Gesellschaft bekleidet.

Oder die Organisationen weichen auf effizientere Methoden des Fundraisings aus. Direktmarketing mag einfach sein. Die effizienteste Methode – gerade für regionale Organisationen – ist es nicht. Die sich langsam entwickelnden Fundraisingmethoden für regionale Organisationen setzen ein deutlich höheres Engagement der Menschen innerhalb der Organisation voraus. Fundraising kann dann nicht mehr an eine Agentur abgegeben werden, sondern wird ein integraler Bestandteil im Alltag jeder Organisation.

Betrugsvorwurf als Weckruf

Damit könnte der Betrugsvorwurf am Ende doch der notwendige Weckruf im Fundraising sein. Er ist die strafandrohende Aufforderung an Vorstände und Geschäftsführungen, Fundraising endlich ernst zu nehmen und in die eigenen Geschäftsprozesse zu integrieren: Wegschauen hilft nicht länger. Und er verschafft dem Fundraising die Möglichkeit, neue Formen und Methoden zu entwickeln, die weniger kostenintensiv sind und Förderer stärker integrieren.


8 Kommentare zu „Sind Fundraiser Betrüger?“

  1. Danke für den interessanten Beitrag. Wir sind gerade dabei, ein professionelles Fundraising aufzubauen und befassen uns daher unter anderem auch mit diesen Fragen.

    Ich finde es ebenfalls enorm wichtig, dass alle wesentlichen Mitglieder der Organsiation in die Fundraising-Konzepte eingeweiht sind und diese unterstützen – aktiv oder passiv. Nur so ist aus meiner Sicht gewährleistet, dass das Fundraising auch authentisch ist und keine Fehler wie im beschriebenen Fall passieren.

  2. John Wegener sagt:

    Gibt es einen wichtigen und bisher unberücksichtigten Spendenzweck, warum muss dann direkt “groß” eingestiegen werden, so dass die Spenden fur den “Einstieg” draufgehen??
    Ist der Spendenzweck tatsächlich wichtig, wird man ja wohl alles in der MAcht stehende unternehmen, dass ein möglichst großer Anteil der Spenden möglichst schnell für den Zweck verwendet werden kann.
    Die Frage ist doch: Werden nicht viele (vorgebliche) NPO gegründet, um Geschäftsführern und Beratern ein Einkommen zu generieren. Ich befürchte: Das ist viel zu oft der Fall.

  3. Stefan Helmers sagt:

    Das ist schon ungünstig keinerlei Transparenz dem Spender gegenüber erkennen zu lassen – gerade in Erinnerung an den Unicef-Deutschland-Spendenskandal 2007/2008.

    In dem vorliegenden Fall kann ich die Vorgehensweise der Ermittlungsbehörden verstehen.

    In sofern ist es aus meiner Sicht eher eine Chance für zukünftiges Fundraising, wenn durch den aktuellen Fall eine höhere Senibilität mit der ehrlichen Offenlegung von Verwendungszwecken dem potentiellen Spender/Sponsor gegenüber geschaffen wird.

    Des weiteren wird es eine Aufklärung der Spender geben müssen, die denen klar machen muß, daß auch Fundraising einfach Geld kostet und nicht mal eben nebenbei durch ehrenamtliche Helfer geleistet werden kann.

    Schauen wir mal, was kommt.

    Lieben Gruß
    Stefan

  4. Horst Thomssen sagt:

    Der Spruch: Mit geringsten Mitteln-den größtmöglichsten Erfolg zu erzielen gilt wohl für alle seriösen Fundraising Firmen.
    Wenn das jeweils benötigte Minimum vorher offen gelegt wird und dem späteren Erfolg gegenüber gestellt wird kann man seh schnell die Effektivität des eingesetzten Minimums erkennen.
    Seriöse Firmen kenn diesen Schlüüsel längst,denn er ist die Basis ihres Erfolges.
    Also keine Panik bewährtes, nachweisbares Zahlenmaterial hat auch vor dem größten Kritiker rechtlichen Bestand.
    Im übrigen, negative Ausnahmen gibt es in jeger Branche und die erwischt es dann auch gerechtfertigt!

  5. Kai Fischer sagt:

    Bei diesem Beitrag ging es uns nicht um die schwarzen Schafe und den offenkundigen Betrug. Es geht generell um die Kosten-Transparenz im Fundraising gegenüber den Förderern. Da ist durchaus zu überlegen, ob es reicht, Durchschnittskosten zu kommunizieren, wenn mit der Förderer-Gewinnung höhere Kosten verbunden sind. Das kann mit einem Hinweis auf bewährte Zahlen nicht abgetan werden, wenn Förderer ein Recht darauf haben zu erfahren, wofür ihre Spenden ausgegeben werden.

    Auch vorwiegend ehrenamtlich tätige Organisationen sollten sich nicht auf der sicheren Seite wähnen, nur weil sie kaum Ausgaben im Fundraising haben. Zu den Kosten gehört auch die investierte Arbeitszeit, sonst lassen sich keine sinnvollen Vergleiche ziehen. Denn auch diese Organisationen müssen zeigen, dass sie in der Lage sind, die ihnen anvertrauten Mittel effizient – und nicht nur effektiv – einsetzen zu können. Manchmal ist es notwendig, ein größeres Rad zu drehen, damit sich Effizienz und Effektivität einstellen.

    Interessant wäre in der Tat zu schauen, mit welchen Kosten die Förderer-Werbung bei den vielen kleinen Organisationen verbunden ist, die nicht das große Rad drehen. Hier fehlen noch Zahlen.

  6. Erika Bartels sagt:

    Natürlich bin ich auch für Transparenz im Spendensammeln. Gleichzeitig muss dem Spender aber auch kommuniziert werden, dass es Verwaltungs- und Werbungskosten gibt, um eine seriöse Verwendung der Mittel zu gewährleisten. Man bedenke auch den Zeitaufwand, den man benötigt, alle Zeit- und Geldeinheiten projektorientiert und detailliert zu erfassen. Der Maßstab für kleine Organisationen auf ehrenamtlicher Basis muss ein anderer sein als bei professionellen NPOs. Sonst geht bald keiner mehr in den Vorstand.

  7. Gert Schmidt sagt:

    Ein guter + wichtiger Artikel, der informativ von den Lesermeinungen ergänzt wird.

    Die im social business Tätigen sollten ihre Kreativität darauf lenken, eigene Produkte zu entwickeln, die sich vermarkten lassen.

    Sich in die Rolle des passiven Empfängers von Leistungen zu begeben, um den “Apparat” zu erhalten, führt zu den beschriebenen Schwierigkeiten. Nachhaltigkeit bedeutet, die soziale Idee mit dem Konsumverhalten der Verbraucher und mit unternehmerischen Ideen zu verknüpfen.

    Wenn viel Spendengeld für die Verwaltung ausgegeben wird, läuft etwas verkehrt. Die “Verwaltung” sollte deshalb kreative Berater ins Haus lassen, die eine Erwirtschaftung der benötigten Mittel in Gang setzen – oder mal mit open space-Tagen neue Ideen “erfinden”.

    Das ist leichter gesagt als gaten. Als Umweltorganisation stehen wir gerade davor, unsere bisher ehrenamtliche Tätigkeit in bezahlte Arbeitsplätze zu verwandeln. In einem Jahr werden wir wissen, ob + wie es uns gelang.

  8. Würden wir den Spendern wirklich ganz transparent sagen, was bei einer (Kalt-)Mailing-Aktion, einer Online-Spende, der Haustürwerbung tatsächlich in Afrika oder beim Fischotter ankommt – wir Fundraiser hätten wohl berechtigt Angst vor der Antwort. Also praktizieren wir derzeit irgendeine eine Mischform, zum Beispiel mit dem dzi-Logo und Jahresberichten. Da ist man ja schon ein bischen transparent – und ein bischen fein raus. Aber ist das wirklich transparent?

    Auf der anderen Seite stagnieren die Spendeneinnahmen mehr oder weniger seit vielen Jahren; und mehr SpendeR werdens irgendwie auch nicht – trotz unserer enormen “Professionalisierung”.

    Vielleicht ist dann eine andere Transparenz tatsächlich ein Weg, um neues Vertrauen in gemeinnützige Anliegen zu gewinnen? Der Weg am Anfang dürfte dornig sein, das Spendeneinkommen könnte tatsächlich sinken. Deshalb muss das gut überlegt sein. Aber langfristig könnte sich ein neuer transparenterer Weg tatsächlich auszahlen – in mehr Spenden und mehr Spender.

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