von Kai Fischer
Alle Jahre wieder wird eine neue Online-Sau durch’s Dorf getrieben. Einige hatten wir schon. Sie hießen Portale oder Community, aber auch Second Life. Erinnern Sie sich noch: Ende der 90er Jahre rechneten Hagel und Armstrong im ihrem Buch Net Gain vor, wie man mit Communities schwer reicht werden konnte. Das war wirklich beeindruckend. Nur scheiterten fast alle Versuche, dieses Ziel zu erreichen. Kurz von der Jahrhundertwende kamen dann die Portale, um Suchmaschinen gruppierte Zugangsseiten zum Internet mit Informationen zu allen „wichtigen“ Themen. Google zeigt schnell, dass die Logik nicht funktioniert. Heute gilt das Konzept als gescheitert. Von Second Life gar nicht zu sprechen. Alle diese wunderbaren Ideen fristen heute allenfalls ein Nischendasein, richtig erfolgreich waren alle nicht. Überzeugen konnte nur der, der aus eigener Kraft Nutzen bietet.
Seit einiger Zeit wird Web 2.0 als neues wegweisendes Konzept angepriesen. Von Fundraising 2.0 ist die Rede und natürlich wieder von der Zukunft, die nicht verpasst werden darf. Die Argumente kennen wir schon, es sind immer dieselben. Werden wir in wenigen Jahren alle nur noch über Twitter und unserem Facebook-Profil miteinander diskutieren? Uns soll an dieser Stelle vor allem die eine Frage interessieren: Werden die Menschen über diese neue schöne Welt auch spenden?
Zukunftsprognosen über Web sind vergleichbar mit dem Lesen im Kaffeesatz. Am Ende wird etwas kommen, dass wir heute noch gar nicht als Trend wahrnehmen. Schauen wir uns also die Gegenwart genauer an. Dabei wird schnell deutlich:
Web 2.0 ist ein weltweites Verweissystem. Es kann gut genutzt werden, um Botschaften in sehr kurzer Zeit um den Globus zu senden. Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zum Handeln sind vielfach vorhanden. Besteht Ihre Aufgabe in der Kampagnen-Arbeit können Sie Facebook und anderen Angebote des Web 2.0 sicherlich gut nutzen. Sie werden unter Umständen Menschen erreichen, die sonst nie von Ihnen gehört hätten. Allerdings steckt auch hier der Teufel im Detail. Denn so einfach, wie es sich anhört, ist die Konzeption einer Kampagne mit viralen Effekten nicht. Und es ist nicht gesagt, dass andere Menschen wirklich in großer Anzahl Ihre Botschaft weitertragen.
Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass die Menschen, die sich an einer Kampagne beteiligen, auch spenden. Momentan scheint es so zu sein, dass dieser Schluss auf einem Missverständnis beruht: Mitmachen bei einer guten Sache bedeutet noch lange nicht, dass Menschen auch finanziell einsteigen und sich beteiligen. Begründen lässt sich dies im Moment noch nicht. Hier fehlen noch Forschungen.
Fundraising 2.0 erweist sich deshalb im Moment als Hype, der auf einem Missverständnis gründet. Wie bei jedem Hype oder Mythos gibt es wahre Kerne und Geschichten, die gern erzählt werden, aber nur teilweise mit der Realität übereinstimmen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln sieht die Wirklichkeit manchmal unterschiedlich aus und es lohnt sich fast immer, genauer hinzuschauen.
Wer also tatsächlich Online-Fundraising betreiben möchte, sollte die fast immer vorhandenen Potenziale des guten alten Web 1.0 nutzen. Wie sollen mit Web 2.0 neue Spender gewonnen werden, wenn Website und E-Mail noch nicht einmal vernünftig funktionieren? Die Konzentration auf diese beiden Anwendungen schlägt derzeit noch Fundraising 2.0 auf jeden Fall.
Fundraising innovativ
ISSN 1866-6655
Ausgabe Nr. 10-03
25. Mai 2010
______________________________
Alle Inhalte von Fundraising innovativ und anderen Seiten von spendwerk.de sind urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung von Inhalten und deren Nachdruck ist nur mit Genehmigung der Herausgeber/innen gestattet. In jedem Fall muss die Nutzung mit einer Quellenangabe versehen sein und einen Link auf www.spendwerk.de enthalten.