Rezension von Prof. Dr. Bettina Hohn
Finanzierung von Sozialunternehmern. Konzepte zur finanziellen Unterstützung von Social Entrepreneurs, Stuttgart (Schäffer-Poeschel Verlag), 2007, 348 S., 79,95 Euro, ISBN 978-3-7910-2631-2
Die aktuellen Herausforderungen für soziale Einrichtungen und Organisationen sind enorm. Die Kürzungen öffentlicher Mittel, verbunden mit der hohen Dynamik der Reformen der sozialen Sicherungssysteme, führen dazu, dass der finanzielle Spielraum zunehmend enger wird. Deshalb sind die Akteure im sozialen Bereich gefordert, ihre Finanzierungsstrategien neu auszurichten. Zahlreiche Organisationen haben die Aufgabe angenommen und arbeiten bereits an neuen Möglichkeiten der Finanzierung ihrer wichtigen Leistungen. Sie entwickeln erfolgreich eine zukunftsorientierte Finanzierungsgestaltung. Und genau darum geht es in diesem Sammelband, der gemeinsam von Wissenschaftlern und Praktikern herausgegeben und geschrieben wurde.
Der Sammelband ist in mehrerer Hinsicht innovativ. Zum Thema Social Entrepreneurship, ein unscharfer Terminus und suboptimal durch soziales Unternehmertum zu übersetzen, sind in Deutschland bislang erst wenige Bücher erschienen. Und dieser Band ist einer der ersten Titel, der sich explizit mit der Finanzierung beschäftigt, obwohl die Finanzierung eine existenzielle Herausforderung ist. Angesichts schwindender öffentlicher Mittel und einem umkämpften Spendenmarkt sind neue Konzepte und Ideen gefragt.
Bei diesem Thema lohnt ein Blick über die Grenzen: Der Sammelband stellt Anätze aus den USA und Europa vor. Neben Spenden und klassischen Fremdkapitalfinanzierungen werden eine Reihe von Finanzierungsinstrumenten vorgestellt, die in Deutschland in der Praxis bislang kaum oder gar nicht vorkommen. Dies sind z.B. Spenden-Mezzanine, darunter fallen zinslose oder zinsvergünstigte Darlehen. Eine andere Möglichkeit sind Recoverable Grants, darunter versteht man Darlehen, die bei Nichterreichen bestimmter Ziele in Spenden gewandelt werden. Im angloamerikanischen Raum wurde der Venture-Capital-Ansatz auf den philanthropischen Bereich übertragen. Daraus hat sich in den USA und in England die so genannte Venture Philanthropy entwickelt. Anders als bei reinen Spenden wird hierbei eine aktive Partnerschaft angestrebt, die auch eine nicht-finanzielle (Management-)Unterstützung beim Organisationsaufbau umfasst.
Die verschiedenen dargestellten Instrumente machen deutlich, dass Kapitalgeber nicht nur finanzielle Erträge oder ausschließlich soziale Erträge, sondern auch eine Mischung aus beiden Ertragsformen anstreben können. Neu für die sozialen Organisationen bzw. sozialen Unternehmen ist der erforderliche Perspektivwechsel: Es geht darum, die Perspektive der Ressourcengeber einzunehmen - diese kommen im vorliegenden Sammelband sogar selbst in persönlichen Statements und Praxisberichten im Anhang zu Wort. Dieser Perspektivwechsel ist etwas, was vielen sozialen Organisationen mit langjähriger öffentlicher Förderung nicht immer leicht fällt. Aber Spender, Sponsoring-Partner, auch moderne Stiftungen sowie Venture-Capital-Unternehmen fragen differenziert nach Effizienz und Effektivität der Aktivitäten. Damit gehen die Notwendigkeit von Erfolgsmessung und der Kontrolle der Zielerreichung, von Reporting und Ratings einher.
Die Social Entrepreneure agieren auf Märkten - bei der Eigenmittelerwirtschaftung, aber auch beim Fundraising. Dafür ist eine Institutional Readiness, die innere Bereitschaft der Organisation, erforderlich, was auch bedeutet, dass die Leitung bzw. Geschäftsführung der Organisation dahinter stehen muss. Aktivitäten auf Märkten bedeuten, dass die Organisationen vom Ziel her planen und Strategien entwickeln müssen. Sie müssen Ressourcen bereitstellen und es ist eine Investition ohne Erfolgsgarantie. Es ist für soziale Organisationen bisher nicht üblich, einen Businessplan aufzustellen.
Der Sammelband reflektiert einen modernen und zukunftsgerichteten Ansatz von Finanzierung. Vor diesem Hintergrund steht die Leistungsentwicklung der Organisationen für Kunden, Klienten und Patienten, für Spender und Kooperationspartner im Vordergrund. Wenn auch einige in dem Sammelband vorgestellte Finanzierungsinstrumente zumindest für Deutschland noch Zukunftsmusik sind, so ist der „Paradigmenwechsel" bei der Finanzierung sozialer Aufgaben dringend erforderlich. In diesem Sinne wäre dem Band eine breite Leserschaft zu wünschen.
Die Beiträge im Sammelband führen grundlegend in die Themen ein. Der praktische Nutzen des Buches wird durch die Auflistung von Kontakt- und Informationsquellen, zwei Fallstudien sowie Mustergesellschaftsverträge im Anhang gesteigert. In einer Neuauflage wären weitere Fallstudien wünschenswert.
Prof. Dr. Bettina Hohn, Berlin
Fundraising innovativ
ISSN 1866-6655
Ausgabe Nr. 08-01
9. März 2008
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