Alexander Glück
Die verkaufte Verantwortung
Das stille Einvernehmen im Fundraising
Essen 2009
24,90 €
Rezension von Kai Fischer
Das Buch von Alexander Glück beschäftigt sich mit den dunklen Ecken und Abhängigkeiten im Fundraising. Ja, es gibt schwarze Ecken im Fundraising, die dringend kritisiert und abgestellt gehören. Auch gibt es systemische Fragen, die immer wieder neu zu stellen sind. Das ist nur nichts Neues. Die von Fundraisern geführte Diskussionen über Ethik und ethisch einwandfreie Praktiken zeugen davon. Auf einige dieser schwarzen Stellen weist Alexander Glück deutlich und zum Teil auch polemisch hin. Andere haben sich bisher seinem Blick entzogen.
Das Buch ist nicht das Problem. Die Folgerungen sind es. Einige Missstände bedeuten noch lange nicht, dass Fundraising insgesamt eine dreckige Angelegenheit ist, in sich so verdorben, dass sie eigentlich verboten gehört. Hier sitzt Alexander Glück dem ersten Mythos im Fundraising auf und folgt dem Weg eines Polemisierers: Es gibt eben nicht „das“ Fundraising. Und es gibt nicht „die bösen geschäftemachenden Fundraiser“ als in sich geschlossene Gruppe. Methoden und Formen unterscheiden sich fundamental bei verschiedenen Organisationen. Was Entwicklungshilfe-Organisationen mit Patenschafts-Modellen im Direktmarketing praktizieren, ist sehr unterschiedlich zum Großspenden-Fundraising bei Hochschulen oder in Kultur-Einrichtungen. Und Fundraising regional hat wiederum ganz andere Funktionsprinzipien. Alexander Glück konzentriert sich auf schwarze Ecken und bläst sie auf. Nur tote Indianer sind bei ihm gute Indianer. So lässt sich ein Buch vielleicht besser verkaufen. Aber es fehlen die Zwischentöne und die genaue Analyse.
Ein wenig krude wird das Buch, wenn sich Herr Glück als Psychologe versucht. Nicht nur, dass alle Aussagen schnell mit dem ökonomischen Interesse verbunden werden (aus welchem anderen Grund sollte ich auch Herrn Glück kritisieren, schließlich verdient ja Spendwerk am Fundraising.
P.S.: Schlecht recherchiert. Spendwerk ist nicht meine Firma, es gibt noch Mitgesellschafter ... ).
Seine Thesen zur Übertragung von Verantwortung und den daraus gezogenen Schlüssen wirken wenig überzeugend: So viele Förderer es gibt, so viele unterschiedliche Beweggründe gibt es zu spenden oder sich zu engagieren. Spender sind keine in sich geschlossene, von Fundraisern formbare Masse. Dass unter Spendern auch Menschen sind, die ihre Verantwortung nur in einer Spende ausdrücken, ist doch okay. Aber geben Sie damit ihre Verantwortung ab? Schließlich kann nicht jeder mit dem Greenpeace-Schlauchboot unterwegs sein.
Und sollten Menschen bei einem Event und Dinner mehrere Millionen Euro sammeln – so wie jedes Jahr beim Ball des Sports – dann sollen sie es tun, auch wenn sie damit eigene Interessen verbinden und sich eventuell als etwas Besseres fühlen. Immer schon haben Spenden auch soziale Gefälle gezeigt und bestätigt. Sind deshalb aber alle Spender „manipulierte Spender“?
Der Ansatzpunkt seiner Kritik wird deutlich, wenn Alexander Glück anfängt über Fundraising ohne Fundraiser – und erst recht ohne die unsäglichen Berater – nachzudenken. Seine Idee: Menschen organisieren sich in freier, gleichberechtigter Assoziation, organisieren sich und selbst und leisten etwas für das Gemeinwohl. Dies ist ein hoher Anspruch und man kann ihn auch an einigen Ecken entdecken. Viele neue Organisationen entstehen genau so.
Vergessen hat Herr Glück dabei allerdings zweierlei: Zum einen brauchen alle Organisationen einen Kern. Jemand in der Mitte muss die Prozesse organisieren, moderieren und alle anderen motivieren, mitzumachen. Ohne Menschen im Zentrum zerfallen Initiativen und Organisationen genauso schnell, wie sie entstanden sind. Alle Erfahrungen und empirischen Belege der Organisationsforschung zeigen: Es gibt keine reine Selbstorganisation.
Deshalb werden zum zweiten nur die Organisationen erfolgreich sein, denen es gelingt, über kontinuierliche Arbeit ihre Anliegen umzusetzen. Jede Umsetzung bedeutet Arbeit, die übernommen werden muss. Je umfangreicher die Anliegen, desto mehr Man- (oder auch Woman-Power) muss in die Organisation investiert werden. Gerade auch in das Management, damit alle zielgerichtet in dieselbe Richtung arbeiten. Damit entsteht aber zwangsläufig die Notwendigkeit, Ressourcen zu finden, die helfen, die Arbeit zu finanzieren.
Damit wären wir dann beim professionellen Fundraising, welches wiederum Geld kostet, da es effizienter ist, professionell zu arbeiten, als an dieser Stelle Mittel zu verschwenden. Und es ist ebenfalls effizienter, gezielt Agenturen und Berater einzukaufen, da diese einige Aufgaben effizienter lösen können als die Organisation selbst.
Damit schließt sich der Kreis: Will eine Organisation oder Initiative gesellschaftliche Änderungen herbeiführen, steht sie vor der Frage, wie die notwendige Arbeit finanziert wird. Eine mögliche Antwort ist professionelles Fundraising, welches Geld kostet. Und hier stellt sich die Frage, was Alexander Glück mit seinem Buch bezwecken will: Möchte er wirklich, dass Organisationen nicht mehr professionell im Marketing vorgehen? Ist sein Traum die unprofessionelle Organisation?
Mit seinem neuen Buch wiederholt Alexander Glück nur seine bisherigen Thesen. Auch wenn es an einigen Stellen zum Nachdenken anregt und durchaus die richtigen Fragen stellt, hilft es insgesamt nicht weiter. Mein Tipp: Sparen Sie sich das Geld und investieren Sie es lieber in ein richtiges Fundraising-Buch. Damit kommen Sie weiter.
Fundraising innovativ
ISSN 1866-6655
Ausgabe Nr. 09-07
8. Dezember 2009
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